(AF)FRONT Ausgabe 4
Hopp! Hopp! Feuer frei!
Rote Tücher hat mit Bestimmtheit ein jeder Mensch. Feuerrot wird das Stück Stoff meistens, wenn eine Sache für die man sich einsetzt durch fehlinterpretiertes Halbwissen verunglimpft wird. So geschehen vergangenen Samstag, im Programm des PayTV Senders Premiere im Rahmen der Bundesliga Übertragung. Der für seinen Professionalismus bekannten, ehemals Gladbacher Stefan Effenberg scheute einmal mehr nicht sein Wissen rund um den Sport zu verbreiten. Dabei stocherte der Experte auch in den tiefen der Fankultur. Da es sich, wie bei vielen seiner Gattung üblich, hierbei offensichtlich um eine spontane Zurwortmeldung des so genannten Fußballerhirns handelte, welches solch wirre Inhalte häufiger in den Raum wirft, ist der Fauxpas biologisch legitimiert. Klargestellt sollte dennoch werden: Der Kampf gegen die Kommerzialisierung des Fußballs existiert fern ab von jeder Neiddiskusion! Es ist ein verbitterter Krieg, der bei nahe täglich neue Fronten zählt. Mit der TSG Hoffenheim zog der erste Privatklub, gefeiert von der Medienlandschaft, in die Bundesliga ein.
Der rasante Aufstieg des Dorfvereins ist ein unvermeidbares Resultat aus den Millionenspritzen des Software Milliardärs Dietmar Hopp. Aufsteiger Hoffenheim, von der Presse zum Außenseiter erkoren, stehen wesentlich größere Finanzmittel zu Verfügung, als großen Teilen der Liga. Die aktuelle Platzierung wird dennoch als Achtungserfolg verkauft. Der Erstliga Debütant aus Sinsheim will oben mitmischen. Dieser Anspruch wird zwar nicht ausformuliert, ein Blick auf den Kader und die zukünftige Wirkungsstätte der TSG, lässt alles andere allerdings gar nicht zu. Man hat sich daran gewöhnt das die Vereine handeln und geführt werden wie Wirtschaftsunternehmen. Aber die Chelseas dieser Welt will und darf man nicht stillschweigend akzeptieren. Weil es gerade in Milliardärskreisen als schick gilt neben der Yacht, dem fulminanten Fuhrpark und dem exzessiv lebenden Töchterchen auch noch einen Fußballverein zu besitzen, sprießen diese Söldnertruppen wie giftige Pilze aus dem morastigen Boden des Weltfußballs. Interessant wird das ganze vor allem dann wenn der erste Gönner das Zeitliche gesegnet oder schlicht die Lust an seinem Hobby verloren hat . Kommt der Fußballklub dann auf den Yachtfriedhof oder übernimmt der missratene Nachwuchs das Ruder. Im Fall Hoffenheim würden wohl beide alternativen nicht gerade für besonders große Entrüstung sorgen. Es wäre schon vergessen ehe es so richtig verschwunden ist.
Die frage ist doch; was macht einen Verein aus? Die Spieler kommen und gehen, wie Waren im Versandhandel. Manch einer wechselt Trainerstab und Vorstände wie die Unterwäsche. Stadien heißen jetzt nach Versicherungen und Banken, Automobilkonzernen und Energieriesen. Der einzige Fixpunkt ist das Vergangene und das immer wieder Praktizierte, die persönlichen Erinnerungen -die Tradition. Wer das verinnerlicht kann sich doch nicht gesunden Gewissens in Mannheim in die Kurve stellen wenn dort nicht Waldhof spielt sondern ein Sinsheimer Stadtteil. Diese „Anfeindungen“die der ehrenwerte Herr Hopp ertragen muss, wenn er seinem Hobby nachgeht sind also vielleicht gar nicht so unbegründet. Sein Verein bricht nämlich mit ungefähr jeder Definition von Tradition. Ratsam wäre es wenn er den Protest akzeptieren würde. Statt dessen rennt der empörte Milliardär in die Schützenden Arme der Justiz. Ein zwischen zwei Stöcke gespanntes, bemaltes Tuch brachte den Geschäftsmann aus der Fassung. Darauf zu erkennen ist sein Gesicht, gerahmt in ein Fadenkreuz; anbei der Satz „hasta la vista Hopp“.
Sicherlich nicht furchtbar originell oder gar Stilvoll, aber eben völlig im Rahmen der Fußballsozologie. Angesichts dessen was diverse ehemalige Spieler ,Vorstände oder Schiedsrichter erdulden mussten ist Hopps Klage klarer Indikator für sein fehlendes Verständnis gegenüber der Fankultur und ihrer Bedenken. Verstummen wird der Protest deshalb nicht. Besonders weil der Fall TSG, wenn die 50+1 Regel fällt, Vorbild für diverse mehr oder weniger fußballbegeisterte Milliardäre mit Statussymboldefizit sein könnte. Hoffenheim ist also der verhasste Vorbote eines brutal dekadenten Trends. Vielleicht schrecken die Proteste Nachahmer ab und sie kaufen sich einen von den zwei englischen Klubs, die noch ohne reichen Russen oder Scheich auskommen. Vielleicht besiegt die Tradition diesen Trend zwar nicht, aber sie kann sie mit Hilfe ihres mächtigsten Werkzeugs, den Fans die sie leben und lieben, in die Flucht schlagen.
